Warum die Kapitalismuskritik heute schwächer ist als je zuvor
Krise der Kritik: Eine neue Anthologie untersucht den Niedergang systemischer Kapitalismuskritik
Eine neue Anthologie mit dem Titel "Krise der Kritik" analysiert den Rückgang grundsätzlicher Opposition gegen den Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten. Das Buch hinterfragt gängige Annahmen darüber, wie sich die Kritik am Wirtschaftssystem seit den 1960er-Jahren entwickelt hat. Wissenschaftler:innen argumentieren, dass die Fokussierung auf den Neoliberalismus allein die Debatte über die Struktur des Kapitalismus und mögliche Alternativen unnötig eingeengt hat.
Die Proteste von 1968 gelten gemeinhin als radikale Abrechnung mit dem Kapitalismus. Doch wie Benjamin Möckels Forschungen zeigen, umfassten diese Bewegungen auch scharfe Konsumkritik, die nicht getrennt von der übergreifenden Systemkritik zu betrachten ist. Diese doppelte Ausrichtung war bereits während des Nachkriegbooms erkennbar – eine Zeit, in der steigende Lebensstandards systemische Opposition keineswegs erstickten.
In den 1990er-Jahren wurde die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) gegründet, doch ihr Programm verband Identitätspolitik mit keynesianischer Wirtschaftspolitik. Antikapitalistische Positionen rückten in den Hintergrund – ein Symptom für den größeren Wandel der Linken. Gleichzeitig übernahmen sozialdemokratische und linksliberale Parteien oft neoliberale Reformen und rechtfertigten sie als notwendige Antworten auf Wirtschaftskrisen.
Sozialwissenschaftler:innen diskutieren seit Langem, warum der Neoliberalismus ab den 1970er-Jahren zur dominierenden Strömung wurde. Manche verweisen auf strukturelle Veränderungen des Kapitalismus, andere auf den Einfluss neoliberaler Ideen. Die Anthologie jedoch hält den Begriff "Neoliberalismus" für zu eng gefasst. Sie wirft die Frage auf, ob die Kritik nicht allzu sehr auf diese spezifische Ausprägung des Kapitalismus fixiert war – statt das System als Ganzes zu hinterfragen.
Das Buch untersucht zudem, warum der Widerstand gegen den Kapitalismus über die Jahre an Schärfe verlor. Statt eines klaren Wandels von System- zu Konsumkritik zeigt Möckels Arbeit, dass beide Formen stets nebeneinander existierten. Damit widerlegt er die Vorstellung, dass Protest einfach verflacht oder weniger radikal geworden sei.
Die Anthologie kommt zu dem Schluss, dass ein Verständnis der gesellschaftlichen Umbrüche seit den 1970er-Jahren die Schwächen der Kapitalismuskritik selbst in den Blick nehmen muss. Sie plädiert für eine weiter gefasste Analyse, die den Neoliberalismus nicht als alleinigen Bezugsrahmen nimmt. Auf diese Weise will das Buch die Debatte über die Grenzen heutiger Wirtschaftskritik und ihren historischen Kontext neu beleben.






